Glücksspielsucht

Der Einstieg ist geschafft. Als ich angefangen habe diesen Blog ins Leben zu rufen, war es wichtig, darüber nachzudenken, was und wen ich hiermit überhaupt erreichen möchte. Ich habe mich entschieden, euch allen zu Beginn einen kleinen Einblick in das Thema zu ermöglichen. Mir ist es wichtig, dass ihr wisst, dass ich an dieser Stelle in Zukunft von meinen eigenen Erfahrungen und Lernprozessen berichten werde. Ich werde Therapieformen beleuchten und die Veränderungen in persönlichen Bereichen ansprechen, welche ich als wichtig erachte. Letztendlich wird dieser Blog also gewiss keine allgemeingültige Bedienungsanleitung zur Spielfreiheit sein.

Was ist Glücksspielsucht? Allgemein ist es die Unfähigkeit, dem Impuls zum Glücksspiel oder Wetten zu widerstehen, auch wenn dies gravierende Folgen im persönlichen, familiären oder beruflichen Umfeld nach sich zu ziehen droht oder diese schon nach sich gezogen hat. Die ICD-10-Einstufung zur Einschätzung der eigenen Situation findet ihr hier.

Die klassische Spielerkarriere, die ich auch so erlebt habe, ist aufgeteilt in Gewinnphase, Verlustphase und Verzweiflungsphase. Wenn ich Menschen in meinem Umfeld erzähle, dass die allermeisten Spieler am Anfang einen großen Gewinn erleben, herrscht meistens Unverständnis vor. Wie? Jeder Spieler hat am Anfang gewonnen? Wie geht das? Nun, wenn ich beispielsweise in zehn aufeinanderfolgenden Monaten eine Zigarette rauche und jedes Mal kotzen muss, werde ich wohl keine Zigarette mehr anrühren. So ist es auch mit dem Spielen. Wenn bei den ersten Versuchen kein Belohnungssystem aktiviert werden kann, wird es auch nicht als positives Ereignis im Gehirn gespeichert.

Besonders spannend finde ich die Tatsache, dass bei einem Gewinn während des Glücksspiels ein Hormon ausgeschüttet wird, dass eine vergleichbare Wirkung hervorruft wie das Hormon Oxytocin. Dieses Hormon wird aktiviert, wenn ein Baby durch Gestik und Mimik versucht, die Aufmerksamkeit der Mutter zu erhalten und diese dann auch bekommt.

Meine Sucht begann 1999. Heute verfluche ich dieses Zweimarkstück, dass mir morgens um vier in einer Bar 500 DM einbrachte. Für einige Monate wurde das Spielen zu einem Hobby. Wenn ich um zehn Uhr am Wochenende ausgehen wollte, bin ich schon um acht Uhr losgegangen und fuhr zuerst in eine Spielothek. Ich hatte für mein Alter viel Geld zur Verfügung und in dieser Zeit hielten sich Gewinne und Verluste die Waage. Das lag natürlich vor allem daran, dass ich noch in der Lage war, Gewinne nicht direkt wieder einzusetzen, sondern mit ihnen den Spielsalon verließ. Doch schon bald steigerten sich die Einsätze und die Zeiträume. Ich vernachlässigte Freundschaften, sagte Verabredungen kurzfristig ab und ging anderen Freizeitbeschäftigungen nicht mehr nach.

Während meiner Studienzeit in Hamburg kam dann der totale Zusammenbruch. Über vier Monate gab es meinem Leben nichts anderes als das Spielen. Ich stand morgens um sieben auf, aß einen Toast und ging fast täglich mit einem Betrag zwischen 200 und 1000 DM spielen. In dieser Zeit war es mir nur möglich mit dem Spielen aufzuhören, wenn die Spielotheken schlossen oder wenn ich kein Geld mehr hatte. In der Zwischenzeit rauchte ich zwei Schachteln Zigaretten, trank ausschließlich Kaffee und Cola und abends war ich nicht einmal der Lage, mit fünf Mark nach Hause zu gehen um mir etwas zu essen zu besorgen. Bei einer Körpergröße von 1,89m wog ich im Sommer 2001 noch 62kg. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach meine Eltern bestohlen, EC-Kartenbetrug begangen und mir von vielen Freunden Geld geliehen. Wenn ich in meine Wohnung zurückkehrte brauchte ich fast immer mehrere Stunden um einzuschlafen und war mir im Bett liegend zu einhundert Prozent sicher, nie wieder zu spielen und mir diesen Stress nicht mehr an zu tun. Am nächsten Morgen wachte ich auf und ich hatte dieselben Gedanken wie am Tag zuvor: Ich will spielen.

Diese Zeit endete erst, als meine Eltern mir zu Hause eine „Falle“ stellten und mich erwischten. Sie hatten in der Zwischenzeit durch andere Personen erfahren, dass ich wohl extreme finanzielle Schwierigkeiten haben müsse. Doch auch mit diesem einschneidenden Ereignis gelangte ich noch nicht an den Tiefpunkt, der nötig war um mir Hilfe zu holen.

Dieser kam dann aber ein knappes Jahr später, als ich meiner damaligen Partnerin mehrfach Geld stahl und mich in ein Lügennetz verstrickt hatte, über das ich selber keinen Überblick mehr hatte. An diesem Abend im Jahr 2002 kam ich vom Spielen in unsere gemeinsame Wohnung zurück und sie saß weinend in der Küche. Am nächsten Tag ging ich zum Diakonischen Werk und wartete solange dort, bis jemand Zeit für mich hatte. Zwei Monate später begann meine erste stationäre Therapie in Gütersloh.

4 Gedanken zu “Glücksspielsucht

  1. Lieber Klaus, Deine Offenheit zu diesem sehr persönlichen Thema hat mich schon im vergangenen Jahr sehr beeindruckt! An dieser Stelle hast Du einmal mehr meinen großen Respekt. Wie Du dieses schwerwiegende Thema für Dich soweit bewältigen konntest und es weiter öffentlich machst! Hut ab, und da Du ja zu diese Thema noch einiges mehr vor hast wünsche ich Dir auch dafür gutes Gelingen…. denn Du weißt wovon Du sprichst! Liebe Grüße, Anja

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  4. Sehr, sehr, sehr interessant…!

    „Wenn ich in meine Wohnung zurückkehrte brauchte ich fast immer mehrere Stunden um einzuschlafen und war mir im Bett liegend zu einhundert Prozent sicher, nie wieder zu spielen und mir diesen Stress nicht mehr an zu tun. Am nächsten Morgen wachte ich auf und ich hatte dieselben Gedanken wie am Tag zuvor: Ich will spielen.“

    Ich spiele seit letzte Woche Dienstag nicht mehr, weil ich genau das bei mir bemerkt habe. Dabei bin ich nicht lange dabei, ich glaube vor 6 Monaten habe ich angefangen zu spielen, mit wenigen Beträgen. Aber da es seit 2 Monaten so häufig wurde, habe ich mir jetzt eine Online Beratungsstelle ausgesucht und tausche mich dort aus. Aus alle paar Wochen wird jede Woche und aus jede Woche, jeden Tag.
    Das geht nicht. Deshalb finde ich es sehr schön, wie du das hier beschreibst. Ich fühle mich jetzt schon bestätigt, dass es wahrscheinlich die richtige Entscheidung war, mir jetzt am besten schon Hilfe zu holen!

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