Gelassenheit und Akzeptanz – Level „expert“ (Teil 1)

Während meiner Vorbereitungen für die diesjährige Therapie gab es einige neue Erfahrungen für mich. Der letzte Tag vor meiner Anreise in eine Klinik war bis dahin immer gleich abgelaufen. Ich schöpfte alle Möglichkeiten aus, um vor der Therapie auf jeden Fall nochmal spielen zu können und wenn ich dann abends nach Hause kam, frustriert und erschöpft, stopfte ich abends um elf meine Koffer und Taschen mit dem Nötigsten voll und reiste am nächsten Tag deprimiert in die Klinik.

Dieses Jahr erinnerte mich an die Szene aus „Besser geht’s nicht“, als Jack Nicholson für den Wochenendausflug zu den Eltern seines schwulen Nachbarn mit völlig überzogener Akribie und Detailtreue seinen Koffer packte. Ich füllte die Formulare der Klinik ordentlich aus und schickte sie zurück, ich erstellte eine to-do-list, eine Telefonliste und eine Liste mit allen Dingen, die ich dieses Mal mitnehmen wollte. Ich nahm mir sogar die Zeit und vereinbarte einen letzten Termin mit meiner Sozialarbeiterin. Ich wollte mit ihr unbedingt besprechen, worauf ich während der Therapie ein Auge haben wollte und sollte.

Ganz oben auf der Liste stand „Aushalten“ und „bei mir bleiben“ und in meinem psychologischen Erstgespräch wurde „Aushalten“ dann in „Gelassenheit und Akzeptanz“ umformuliert. Das klang dann auch gleich viel positiver. Und es lief perfekt. Ich war gelassen. Ich kümmerte mich um mich und akzeptierte alles so wie ist. Nur eben nicht sieben Wochen lang, aber immerhin für drei Tage. Nicht schlecht, oder? 🙂

Dieser Beitrag ist übrigens auch für meine liebe Freundin Sabine. Während der Therapie hatte sie nicht die Zeit und ich nicht die Ruhe, um die Vorkommnisse mit ihr zu teilen.

Bereits am ersten Tag, bei der Führung über das Klinikgelände durch einen Mitpatienten, horchte ich auf. Wir standen draußen und er berichtete mir, wie großartig das Team sei und wie alle aufeinander aufpassten. Alles sei sehr harmonisch und es gäbe nur selten Stress. Als er mich dann nach meinen Erfahrungen fragte, sagte ich ihm, dass ich es nach allem, was ich bislang so erlebt habe, eher skeptisch betrachte, wenn mir jemand einen solchen Zustand der Gruppe beschreibt. 23 Spielsüchtige auf einem Haufen in Harmonie? Das ist ein Widerspruch in sich.

Die ersten Nächte waren katastrophal. Ich befand mich auf dem Teamflur in einer Art Bermudadreieck. In dem Zimmer rechts von mir und links und rechts gegenüber meines Zimmers wohnten drei Mitpatienten, die die Nacht zum Tage machten. Sie trafen sich jeden Abend gemeinsam auf einem der Zimmer, hörten regelmäßig laut Musik, rauchten und tranken Alkohol. Selbstverständlich war jeder einzelne Punkt ein Vergehen gegen die Hausordnung, aber noch hielt ich mich zurück. Ich wollte mich nicht gleich wieder ins Abseits schießen und ruhig bleiben. Daher klopfte ich lediglich jeden Abend an eine der Türen, bat um Ruhe und verbat mir selbst, diese Vorfälle in den Gruppen anzusprechen.

Dann nahte das Wochenende und samstags wurde ich gegen halb eins durch Gespräche auf dem Flur geweckt. Als ich dazustieß wurde mir berichtet, dass Mitpatient Manfred (Name geändert) mit 1,3‰ erwischt wurde und dass ein weiterer Patient für Horst (Name ist Programm), der bereits schriftlich verwarnt war, zur Alkoholkontrolle gegangen war. Ich kommentierte das nur mit einer geballten Faust und einem ironischen „Yeah!“. Dann lag ich wieder im Bett und dachte: „Ja, so viel zum Thema „alle passen aufeinander auf.“.

Natürlich waren diese Vorfälle am nächsten Tag in aller Munde. Auch ich sprach mit Patient Jared (Name geändert) darüber. Wir hatten uns von Beginn an gut verstanden und er fragte mich nach meiner Meinung dazu. Ich sagte ihm, dass ich mich von diesen Patienten fernhalten werde, weil ich auf so etwas keinen Bock hätte. Außerdem fügte ich hinzu, dass ich so ein Verhalten in meinen früheren Therapien sofort in der Gruppe angesprochen hätte.

Dieser Satz sollte mir zum Verhängnis werden. Kurze Zeit später wurde ich von Horst auf dem Flur abgefangen und zur Rede gestellt. Ich war ziemlich überrascht, denn er hatte gehört, ich würde morgen zum Therapeuten gehen und offenlegen, dass jemand für ihn gepustet hatte. Er drohte mir und wie er so vor mir stand, wurde ich zwar nervös, aber ich musste auch schmunzeln. Könnt ihr euch denken, weshalb? Als sich sein verbaler Druck erhöhte, sagte ich: „Horst, entspann‘ Dich. Ich hatte nicht vor, das weiterzugeben. Aber selbst wenn ich es vorhätte, würden Deine Drohungen hier auch nichts dran ändern.“ Auch wenn diese Situation für mich emotional anstrengend war, wollte ich weiterhin bei mir bleiben und Horst da lassen, wo er stand.

Am nächsten Nachmittag musste Manfred dann in der Bezugsgruppe wie vermutet seinen Alkoholexzess zur Sprache bringen. Ich hatte mir vor der Gruppe vorgenommen, meinen Mund zu halten und einfach nur zuzuhören. Nachdem die Gruppe ihm dann fünf Minuten den Hintern gepudert hatte (Harmonie ist das Stichwort!) zeigte Horst auf und wollte einen Konflikt ansprechen.

„Ich hab‘ echt ’n Problem mit Dir, Klaus!“ In meinem Gehirn wurde ein riesiges Banner ausgerollt: What! The! Fuck! Dann folgten 45 Minuten aus der Rubrik „Süchtige unter sich – Sozialer Wahnsinn für Fortgeschrittene.“

Er bezeichnete mich als provokant, dass ich mich von der Gruppe von Beginn an fernhielte und das „wir“ hier solche Typen wie mich nicht haben wollten. Ich solle das Team wechseln. Natürlich setzte mich das unter Druck, aber ich blieb bei mir. „Wer ist Horst? Warum tut er das? Wieso löse ich diese Ablehnung bei ihm aus?“ Mein Gehirn lief auf Hochtouren. Ich wandte die Techniken an, die ich kannte und kam dann auch auf die passenden Antworten. „Horst hat Angst vor einem Rausschmiss. Horst mag mich nicht, weil ich ihm nicht die Eier schaukle und bei der ganzen Party mitmache. Horst projiziert.“ Auf die Frage, ob ich was zu den Anschuldigungen sagen wollte, konnte ich aber jetzt wohl kaum diese Antworten geben. Also entschied ich mich, das so stehen zu lassen. Aber nun stiegen weitere Patienten mit ein (Horst hatte wohl in den 24 Stunden zuvor hervorragende Überzeugungsarbeit geleistet) und setzten mich dreißig Minuten massiv unter Druck. Und mit jeder Anschuldigung, jedem Gerücht, jedem Wirkungstreffer wurde mein Schutzschild schwächer und ich begann damit, mich zu rechtfertigen und auf den ganzen Schwachsinn einzugehen. Fünf, sechs Menschen, die mich ihre geballte Abneigung spüren ließen. Das war zu viel für mich. Irgendwann fiel der Satz „Wir wollen Dich hier nicht. Fahr‘ bitte nach Hause.“ und ich stand auf und lief aus dem Gruppenraum auf mein Zimmer. To be continued.

5 Gedanken zu “Gelassenheit und Akzeptanz – Level „expert“ (Teil 1)

  1. Pingback: Scheiterhaufen | Oktomania

  2. Pingback: Gut anders | Oktomania

  3. Pingback: Blogiläum | Oktomania

  4. Pingback: Gelassenheit und Akzeptanz – Das Sequel | Der Spielverderber

  5. Pingback: Dialog mit dem Suchtgedächtnis | Der Spielverderber

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s