Spelunken und Freizeit-Center

Meine lieben Leserinnen und Leser,

jetzt ist mein Blog bereits zehn Einträge „alt“ und ihr habt einiges über mich erfahren. Doch über das Glücksspiel an sich habe ich bislang wenig berichtet. Daher habe ich mich entschieden, euch in den nächsten Artikeln einen besseren Einblick in dieses Thema, im Besonderen ins Automatenspiel zu ermöglichen.

Walzengerät 1999

Walzengerät 1999

Mit diesem Automaten fing alles an, dem „Turbo Sunny“. An diesem Automaten spielte ich das erste Mal und er hing damals auch in jeder der Spielhallen, in denen ich war. Ein Spiel kostete 40 Pfennig und dauerte 12 Sekunden. Ich spielte immer alles oder nichts. Das bedeutete, dass ich jeden Gewinn, Geldbetrag oder Sonderspielgewinn, bis zum Anschlag hochdrückte. Ganz zu Beginn war ich zunächst vorsichtig gewesen und hatte immer wieder Sonderspiele angenommen. Aber ich begriff schnell, das ich damit nie zufrieden war und der Lust- und Reizfaktor nicht ausreichend befriedigt wurde. Nur die sogenannten Jumbospiele, auf dem Foto blau unterlegt, sorgten dafür, dass es Freispiele gab und durchschnittlich häufiger gestreifte Felder kamen, mit denen man 4 DM gewann.

Doch um die damalige Zeit und das Automatenspiel heute vergleichen zu können, fehlt die wichtigste Information noch. Wenn die Freispiele vorbei waren und sich beispielsweise 300 DM auf dem Geldspeicher befanden, konnte ich den Auszahlungsknopf betätigen und das Geld wurde in Geldstücken zu 5 DM, 2 DM und 1 DM direkt ausgezahlt.

Meine persönliche Erinnerung an die Spielhallen zu der Zeit ist, dass sie etwas Verbotenes an sich hatten. Es waren im wahrsten Sinne des Wortes Sp(i)elunken. Dunkel, verwinkelt und meistens in mehrere kleinere Räume aufgeteilt. Mit 19 Jahren war ich häufig der jüngste Spieler, der anwesend war und außer zu den Tagen rund um den 01. und 15. eines Monats war nicht viel los.

Ab 2006 änderte sich dies von Jahr zu Jahr immer mehr. In diesem Jahr wurde die Spielverordnung geändert und das Punktesystem eingeführt. Von nun an musste das Geld in Punkte umgewandelt werden, um es verspielen zu können. Da diese Umwandlung sehr langsam passierte, wurde der Spieler auf den ersten Blick geschützt. Der maximale Verlust pro Stunde wurde durch das Punktesystem auf 80€ begrenzt. Das klingt ja erst einmal positiv, doch der Gedanke des Punktesystems war von der Automatenindustrie auf perfide Weise zu Ende gedacht worden. Wenn ich mir nämlich jetzt mein Geld wieder auszahlen lassen wollte, musste ich es vom Punktespeicher wieder in Euro umbuchen.

Ein Beispiel: Ein Spieler gewinnt an einem Automaten 300€. Um sich diesen Gewinn auszahlen lassen zu können, mussten jetzt in einem 5-Sekunden-Rhythmus 200 Pkt in 2€ umgewandelt werden. Und genau diese Neuerung ist das Tödliche für jeden Menschen mit einer Spielproblematik. Er kann sich das Geld nicht direkt auszahlen lassen und verbringt die Wartezeit natürlich mit Spielen an einem anderen Automaten. Ich erinnere mich an viele Tage, an denen ich einen Betrag gewann, mit dem ich früher den Laden verlassen hätte. Doch jetzt reichte diese Viertelstunde Wartezeit aus, um ein neues Gerät zu füttern und einen neuen Reiz auf weitere Gewinne auszulösen. Das führt dann natürlich zu weiteren Verlusten und dem, von der Automatenindustrie gewünschten, Verbleib in der Spielhalle.

Doch es gab noch eine weitere Neuerung. Jedem Spieler war es mit den neuen Geräten möglich, den Einsatz pro Spiel selbst zu wählen. Der niedrigste Einsatz pro Umdrehung lag von nun an bei 5 Cent und der höchste bei 2€, bei ein paar ausgewählten Spielen bei 5€. Nochmals zum Vergleich: 2002 kostete eine Umdrehung 0,20€ (12 sec Dauer), jetzt konnte man in drei Sekunden 2€ verlieren! Auch hier gebe ich euch noch ein Beispiel:

Ein Spieler mit hoher Risikobereitschaft gewinnt bei einem Einsatz von 40 Cents einen Betrag von 400€. Er beginnt damit, den Betrag umzubuchen. Gleichzeitig wird er aber in Versuchung geführt, diesen Gewinn noch einmal mit höherem Einsatz zu steigern.

Wenn er während des Umbuchens mit einem Einsatz von 1€ weiterspielt, werden von den 400€ nur knapp 200€ übrig bleiben. Seid ihr hinter die Taktik des Punktesystems gestiegen? Die Grundaussage lautet: Jeder Spieler verliert bei uns nur maximal 80€ pro Stunde. Aber das ist nicht die Idee hinter dem Punktesystem. Die eigentliche Aussage lautet: Jeder Spieler verspielt bei uns die Gewinne, die seine Verluste ausgleichen könnten.

Auch das Erscheinungsbild der Spielhallen änderte sich komplett. Grad für junge potentielle Spieler wurden neue Reize gesetzt. Auf einmal gab es große, helle Räume mit vielen Lichtern und blinkenden Automaten. Die Walzengeräte waren Vergangenheit.

In den Merkur-Spielhallen von der Gauselmann Unternehmensgruppe gibt es mittlerweile neben allen erdenklichen Kaffeespezialitäten und Softdrinks auch regelmäßig kleine Snacks und in größeren Filialen sogar kleine Buffets an den Wochenenden. Kostenlos! Der Hauptgedanke ist natürlich, den Spieler im eigenen Laden zu halten. In der ersten Spielhalle, in der ich 1999 war, standen acht Automaten. In Münster gibt es mittlerweile eine Merkur-Spielhalle mit unglaublichen 144 Automaten, verteilt auf 6 große Räume und ein paar kleineren Nischen. Als ich das erste Mal dort war und wieder raus wollte, musste ich eine Mitarbeiterin fragen, wie ich zum Ausgang finde! Ein Suchtlabyrinth, getarnt als Freizeit-Center.

Zum Abschluss noch ein paar Zahlen und Fakten, die die Veränderung deutlich belegen. Die Anzahl der Automaten in Spielhallen stieg von 183.000 im Jahr 2005 auf 242.500 im Jahr 2011. Gleichzeitig stieg der Umsatz in Deutschland um 76,2% von 2,35 Mrd. Euro auf 4,14 Mrd. Euro. Im Zeitraum von 2005 bis 2013 stiegen die Steuereinnahmen von 190 Mio. auf 700 Mio. Euro. 1999 gab es in meiner Heimatstadt 7 Spielhallen, 2014 sind es 24.

In den vergangenen 24 Stunden habe ich sehr viele Telefonate geführt. Darunter waren Gespräche mit drei Suchtberatungsstellen, zwei Ordnungsämtern, dem Fachverband für Glücksspielsucht und einem Professor von der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim. Die Themen, um die es ging, waren Kontrollorgane, Ausschüttungsquoten, Steuereinnahmen und Suchtprävention. Seid gespannt auf neue, zum Teil erschreckende Informationen in den kommenden Artikeln. Ich für meinen Teil bin heute morgen noch ein bisschen fassungsloser über die Zustände als zuvor.

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