Wie helfe ich einem Spielsüchtigen?

Als ich mir gestern erste Gedanken zu meinem neuen Beitrag machte, stand ganz oben auf meiner To-Do-Liste das Wort Mittelweg, gesunder Mittelweg. Aber einfach ist das nicht und ich glaube, es wird mir nicht gelingen, denn die Sucht hält sich auch nicht daran. Ich möchte mich gerne der Frage widmen, was Familie, Freunde und Partner von Spielsüchtigen unternehmen können, um uns zu unterstützen. Naja, vielleicht wird es auch ein Beitrag darüber, wie sie uns am besten nicht unterstützen, mal schauen.

Als Angehöriger oder Freund eines Spielsüchtigen hat man es nicht leicht. Meine Familie hat das auch jahrelang erfahren müssen. Ich habe gelogen, geklaut, andere Menschen für die kurzfristige Befriedigung meiner Sucht ausgenutzt und war in der heißeste Phase meiner Sucht auch als Mensch ziemlich unausstehlich. Das lag vor allem an dem emotionalen und mentalen Dauerstress, unter dem ich stand. In der Zeit von 1999 bis 2002 hatte ich ein gigantisches Lügennetz aufgebaut und das musste natürlich in jedem Moment halten. Auf jede zwischenmenschliche Situation musste ich optimal vorbereitet sein und versuchte immer alle möglichen Fragen und Szenarien zu erahnen. Ein anstrengender Job, das kann ich euch sagen.

Wenn ich jetzt versuche, eine Art Wegweiser für euch Angehörige zu skizzieren, dann setze ich zunächst mal zwei verschiedene Ausgangssituationen voraus. Szenario 1: Der Angehörige ist aktiver Spieler und geht regelmäßig seiner Sucht nach. Szenario 2: Der Angehörige hat aus eigenem Antrieb entweder das Spielen aufgegeben, eine ambulante Therapie begonnen oder eine stationäre Therapie absolviert. In diesem Beitrag gehe ich allerdings zunächst mal nur auf die erste Situation ein. Alle Infos schildere ich aus meiner Sicht und wie ich es für mich langfristig wahrscheinlich als hilfreich angesehen hätte.

Im ersten Szenario ist erst einmal wichtig, die Fakten zu prüfen und Informationen einzuholen. Über diese Seite könnt ihr zunächst prüfen, ob es sich um problematisches Spielen handelt oder nicht. Dann empfehle ich dringend, euch jemanden mit ins Boot zu holen, der euch in dieser schwierigen Phase unterstützen kann. Setzt euch mit der Gesamtthematik auseinander. In fast jeder Stadt in Deutschland gibt es Beratungsstellen, die leicht über google zu finden sind. Auch Angehörige können hier mit Sozialarbeitern sprechen. Der Fachverband für Glücksspielsucht hat auf seiner Homepage einige hilfreiche und interessante Links zum Thema Spielsucht und kann im Zweifelsfall Kontakte herstellen. Meine Meinung ist, dass ihr dem Spieler langfristig nur helfen könnt, in dem ihr einschneidende Veränderungen vornehmt, die aber höchstwahrscheinlich zu Auseinandersetzungen und Stress führen werden. Der Handlungsspielraum des Spielers sollte massiv eingeschränkt werden.

  • Die Sucht gegenüber dem Arbeitgeber, Freunden, Nachbarn, anderen Angehörigen, dem Vermieter oder auch der Hausbank zu decken unterstützt das süchtige Verhalten. Wenn der Spieler einen Fehler macht (Geld leihen, Ausreden, Lügen etc.), dann muss er das mit der vollen Eigenverantwortung tragen. Nur so kann er an einen Punkt kommen, an dem er selber spürt, dass er etwas ändern muss.

  • Der finanzielle Spielraum sollte eingrenzt werden. Schützt eure monatlichen Finanzen, am besten in dem alle Ausgaben kontrolliert werden und der Zugang zu Geld beschränkt wird. Verschafft euch einen Überblick über die komplette (!) finanzielle Situation.

  • Sofern es getrennte Konten gibt oder es sich um die eigenen Kinder handelt, sollten Handschulden, unbezahlte Rechnungen und andere offene Beträge nicht bezahlt werden. Zumindest nicht so lange es keine eindeutige, spürbare Entscheidung des Spielers gibt, an der Suchtproblematik zu arbeiten. So lange der Spieler weiß, dass es noch einen Topf gibt, auf den er im Ernstfall zugreifen kann, bleibt die Hintertür offen.

  • Wenn der Spieler finanziell unabhängig ist, dann habt ihr wahrscheinlich keinen Einfluss auf die Finanzen. Hier könnt ihr lediglich deutlich machen, dass ihr nicht für Schulden und dergleichen aufkommt.
  • Spieler sind sehr kreativ. Selbst wenn ihr glaubt, dass ihr alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen habt und es den Anschein hat, das alles wieder besser läuft, würde ich empfehlen, von Zeit zu Zeit den Ist-Zustand zu kontrollieren.

  • Sprecht innerhalb der Familie euer Verhalten ab. Es kann nur hilfreich sein, wenn alle Familienmitglieder auf dem gleichen Stand sind und offen über die Vorkommnisse gesprochen wird. Wenn ihr gegenüber Freunden und Verwandten lügt, um den Schein aufrecht zu erhalten, belügt ihr euch lediglich selbst und werdet euch dadurch nicht besser fühlen.

Seid auf alles vorbereitet! Es kann Streit geben, es kann Drohungen geben. Es kann weitere Lügen geben. Ihr werdet vielleicht ungeöffnete Rechnungen und Mahnungen finden. Es kann Versprechungen geben, die nicht eingehalten werden. Es wird Enttäuschungen geben. Und diese ganzen Dinge werden euch vielleicht auch an den Rand der Verzweiflung bringen. Tränen werden fließen und ihr liegt im Bett und könnt nicht schlafen, weil alles so beschissen ist. Ihr seid in einer anderen Welt gefangen. Aber es ist trotzdem wichtig, unbeirrbar diesen Weg zu gehen.

Jeder Mensch hat jedoch nur ein gewisses Maß an Kraft, dass er dafür opfern kann. Jeder Angehörige muss herausfinden, wo für ihn/sie „um jeden Preis unterstützen“ aufhört. Es klingt jetzt hart, aber vielleicht ist der Moment, in dem ihr wisst, dass ihr keine Kraft mehr habt und euch entfernt für den Spieler der Moment, in dem er merkt, dass er so nicht weitermachen kann.

Meine Familie hat mich nicht fallen gelassen. Auch sie mussten lernen, damit umzugehen. Ich weiß, was sie durchgemacht haben, denn mir ist klar, dass ich eine Zeitlang ein ziemliches Arschloch war.

All das, was ich bis hierhin geschrieben habe, klingt an vielen Stellen sehr radikal und ist in der Realität nur schwer durchzusetzen. Mir ist bewusst, dass man seinen Sohn nicht einfach so hungern lassen kann und es z.B. Situationen gibt, in denen man einem Arbeitgeber oder Vermieter nicht alles einfach so auf den Tisch knallen kann. Hier ist dann der Mittelweg wichtig. Ich wollte zunächst mal einen deutlichen Handlungsstrang vorschlagen, vor allem um klar zu machen, wie ernst die Lage ist. Es wird genügend Tage geben, an dem es nicht möglich sein wird, sich so hart und konsequent zu verhalten und das ist auch in Ordnung. Ihr solltet euch dann einfach wieder sammeln und weitermachen.

Eines finde ich noch wichtig. Wenn der Spielsüchtige in eurem Umfeld lügt, betrügt, böse Dinge sagt und einfach nicht wiederzuerkennen ist, dann versucht im Hinterkopf zu behalten, dass da gerade zu einem großen Teil die Sucht aus dem Menschen spricht. Dieser Anteil war auch in mir immer wieder so stark, dass mein Auftreten und Handeln nichts von dem hatte, was ich mir für mich selbst gewünscht hätte. Ich war ein anderer Klaus.

9 Gedanken zu “Wie helfe ich einem Spielsüchtigen?

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  6. Hallo
    Ja so kann man es auch schaffen.aber wenn man immer hört man sei nicht süchtig lügt man sich in die Tasche.seit Monaten Versuch ich mit allen was ich hab an Geduld, liebe und Verständnis meinem Mann beizustehen.ohne Erfolg egal ob ich was sage oder nicht.er sieht das automaten spielen als Entspannung. Ständig ist er unzufrieden ist null einsichtig nimmt nichts an.entfernt sich immer mehr von Familie und Freunde.schlimm.als ich ihm sagte das ich so mein Leben nicht verbringen möchte würde er wie immer laut und agressiv. Wohl oder übel werde ich mich wohl trennen müssen.zu meinem wohl .eigentlich schade nach 40 ehejahren. Denke das wird due beste Lösung sein.

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    • Liebe Angehörige,
      vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich kann nachempfinden, was Du da durchmachst und ich kenne auch viele Angehörige, für die letztendlich die einzige Möglichkeit die Trennung war.
      Ich wünsche Dir alles Gute für den Weg. Kümmere Dich um Dich und verliere Dich nicht mehr in seinem Leben.

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