Anleitung zum Rückfälligsein

In einem meiner ersten Beiträge habe ich mal etwas dazu gesagt, wie ich nach meiner ersten stationären Therapie rückfällig wurde. Nachdem ich einige Monate abstinent war, ging ich eines Morgens ohne lange Diskussionen mit mir selber in eine Spielhalle und wurde rückfällig. Als ich diesen Rückfall dann in meiner Nachsorgegruppe offenlegte, wurde ich danach gefragt, was vorgefallen war. Hatte ich Stress? Gab es einen Streit? War ich kritisiert worden? Bis heute bin ich auf keinen negativen Grund gestoßen und deswegen behaupte ich jetzt einfach: Ich hatte Bock aufs Spielen.

Mir und auch vielen anderen Spielern liegt ein großes Talent im Blut. Wir verarschen uns selbst und das machen wir gerne, ausgiebig und kompetent. Ich erinnere mich an einen Spieler, der von sich behauptete seit einigen Wochen spielfrei vom Automatenspiel zu sein. Um trotz des immensen Drucks weiterhin abstinent zu bleiben, hatte er allerdings in Sportwetten investiert. Genau. Und wenn ich mir im Januar Fernsehverbot auferlege, dann ist es doch absolut in Ordnung, wenn ich siebzehn mal ins Kino gehe. Frei nach Pippi Langstrumpf: „Ich mach‘ mir die Welt…“

Um diesen absurden Gedanken vorzubeugen, gibt es in der Fachklinik Hochsauerland zwei Therapiebausteine namens „Rückfallvorhersageskala“ und „Was muss ich tun, um rückfällig zu werden?“. Beim zweiten Baustein bekommt der Patient einen Zettel in die Hand, auf dem 19 Aussagen stehen, die erfahrungsgemäß in die „Selbstverarschungs-Schublade“ bei Spielern passen. Manche der Sätze sind für mich mittlerweile so absurd, dass ich nur lachen kann, wenn ich sie lese.

„Ich schaue hin und wieder mal in der Spielhalle vorbei, um einen Kaffee zu trinken und meine alten Bekannten zu treffen.“ ist einer dieser Sätze und zu dieser Aussage soll der Patient einen Lösungsansatz oder eine Alternative aufschreiben. Ich habe dieses Jahr in die rechte Spalte geschrieben: „Wenn ich zu Hause meine Herdplatte anmache, dann schaue ich nach zehn Minuten, ob sie auch wirklich heiß ist, indem ich meine Hände drauflege.“ 😉

Noch zwei Beispiele? Gern. „Ich stelle mich selbst auf die Probe und beweise allen, dass ich inzwischen ruhig mal wieder ins Casino gehen kann, ohne gleich rückfällig zu werden.“ und „Ich denke ständig daran, wie viel Geld ich verloren habe und wie gut es für mich wäre, wenn ich das Geld zurückgewinnen könnte.“

An diesen Punkten im Zwiegespräch mit sich selbst ist sehr häufig eine Sache mit im Spiel, die ich als Spieler zu Beginn gerne verdrängt habe: Spielen hat auch etwas Positives! Es gab ja auch Zeiten, in denen ich unheimlich gerne gespielt habe und es mir Spaß gemacht hat. Wenn das Spielen ausschließlich negative Seiten hätte, dann würde es niemand machen. Eine Situation, die ich in meinen Therapien hundertfach mitbekommen habe, ist beispielsweise das gegenseitige „Heißreden“ der Patienten. Das bedeutet, dass sie sich Erlebnisse aus ihrer aktiven Zeit erzählen und sich damit pushen. Sie reden über besondere Gewinnkombinationen, heftigste Verluste, höchste Gewinne und spannende Begebenheiten in der Spielhalle. In diesen Gesprächen spürte ich immer deutlich, wie groß und mächtig das Spielen bei einigen Mitpatienten noch ist. Sie bekamen dieses ominöse Leuchten in den Augen und Spieler, die sich sonst dezent zurückhielten, wurden lebendig und stürzten sich förmlich in die Diskussion.

Wenn ich mich an solche oder ähnliche Gedanken erinnere, dann bekomme ich häufig die Gewissheit, dass ich nur nach Argumenten suchte, um mir den Rückfall „erlauben“ zu können. Ich habe häufig vor Rückfällen die Problematik bagatellisiert. Aber nur tief in mir drin. „Ich bin ja stabil. Alles ist gut.“ „Grundsätzlich habe ich alles geregelt. Ich bin auf einem tollen Weg.“ Heute existieren in mir diese üblichen Pro-Argumente nicht mehr. Daher möchte ich einige dieser Aussagen und meine persönlichen Antworten darauf zum Abschluss des Artikels aufschreiben.

Ich denke ständig daran, wie viel Geld ich verloren habe und wie gut es für mich wäre, wenn ich das Geld zurückgewinnen könnte.“ – „Ich bleibe im Hier und Jetzt. Ich denke daran, wie viel ich HEUTE spare, wenn ich nicht spielen gehe.“

Ich spreche mit niemandem über meine Probleme. Auch nicht, wenn ich Spieldruck habe.“ – „Möchte ich andere nicht darüber informieren oder will ich mich selber nicht damit beschäftigen? Ich bereite bereits im Vorfeld mein Umfeld darauf vor, dass ich Spieldruck bekommen könnte und versuche alles, um ihn dann auch zu kommunizieren.“

In meiner freien Zeit unternehme ich nichts.“ – „Langeweile und Lethargie sind meine Hauptrisiken. Je mehr ich zu Hause herum sitze, desto größer die Gefahr, irgendwann rückfällig zu werden. Stattdessen plane ich meine Tage und Wochen und gehe meinen Pflichten und Freizeitaktivitäten nach.“

Ich fange zu Hause Streit an und verlasse wütend und Türe schlagend das Haus.“ – „Warum sollte ich das tun? Doch nur, um ein Argument zum Spielen zu haben. Ich versuche meinem Partner zu erklären, warum ich das mache um der Situation vorzubeugen.“

Heute Abend gehe ich nicht zur Selbsthilfegruppe. Ich bin zu deprimiert. Da gehe ich den anderen nur auf die Nerven. Ich gehe lieber ins Bett.“ – „Genau jetzt, genau heute sollte ich mich nicht zurückziehen. Wenn es mir schlecht geht und ich deprimiert bin, dann können mich die Anderen unterstützen, damit ich mich besser fühle. Die Selbsthilfegruppe ist nicht nur dafür da, um von den guten Tagen zu erzählen.“

Ich habe immer ein gut gefülltes Portemonnaie dabei.“ – „Geld ist mein Suchtmittel. Für welchen Fall habe ich so viel Geld dabei? Ich nehme nur den Betrag mit, den ich wirklich benötige.“

Ich treffe einen Bekannten in der Stadt, der mich bedrängt, mit ihm spielen zu gehen.“ – „Ich erkläre ihm meine Situation und erbitte Verständnis. Ich schlage ihm vor, dass wir einen Kaffee trinken gehen könnten anstatt in die Spielhalle zu gehen.“

Ich zahle meine Schulden so schnell es geht zurück, auch wenn ich mir dann nichts mehr gönnen kann.“ – „Zufriedenheit ist mein höchstes Gut. Wenn ich mich selbst unter Druck setze und mir Positives verwehre, dann wird es mir langfristig schlechter gehen. Deswegen stelle ich einen angemessenen Schulden-/Ratenplan auf, in dem ich mich nach meinem verfügbaren Einkommen richte.“

Wie ihr seht, haben ich und andere Spieler an vielen Fronten zu kämpfen. Es sind eben nicht nur die schlechten Tage, die uns zum Spielen bringen können. Vor allem zwischen 2002 und 2008 war auch die Sehnsucht nach dem Spielen besonders stark. Für mich war da das Spielen immer wieder wie ein guter alter Kumpel, mit dem ich mich mal wieder verabreden wollte – um der alten Zeiten willen.

4 Gedanken zu “Anleitung zum Rückfälligsein

  1. Pingback: Gönnen Können für Fortgeschrittene | Oktomania

  2. wie wahr … alles was da oben steht .. wie viele gratis cafes …schon ….tausende euros gekostet haben …a Wahnsinn 🙂 😦
    Allerdings … was hätte ich in der zeit gemacht anstatt gratis cafe zu trinken ^^ ? mich zuhause ..zu Tode langweilen ? bevor ich mich langweile geh ich lieber zocken auch wenn ich weiß das es das bescheuertste ist was ich machen kann ( mein gestörtes z`denken ) … oder oh die Tomaten kosten 1.99 ..ganz schön teuer !! und später in der halle 500€ verballern 😦 *sick 🙂
    ..usw usw usw 😉

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    • Hallo Ronny,
      danke für Dein Feedback.
      So lange zocken für Dich noch die beste Lösung gegen Langeweile ist, ist das wohl nicht zu ändern… 😉
      Sobald Du mehr Interesse an anderen Dingen entwickeln möchtest, empfehle ich Dir, es doch nochmal mit der Suchtberatung.
      Alles Gute!

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  3. Pingback: Neuer Reichtum | Der Spielverderber

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