Oh nein, oh, oh, ein Tannebaum!

Weihnachten. Das Fest der Liebe. Nächste Woche stehen wieder einmal die Feiertage vor der Tür. Für so manchen Spieler sind diese Tage nicht gerade etwas, worauf er sich freut. Wenn ich trocken war und alles soweit im Griff hatte, dann machte ich mir höchstens darüber Sorgen, wie die Stimmung sein könnte. Bringen alle Familienmitglieder ein bisschen Gelassenheit mit? Sind sie entspannt? Sofern man bei selbständigen Eltern, die am 1. und/oder 2. Weihnachtstag arbeiten mussten, von Entspannung reden konnte. Wie geht es meinen Brüdern? Freuen sie sich auf Weihnachten?

Wenn ich allerdings mal wieder rückfällig gewesen war, dann war Weihnachten schwierig für mich. Besonders dann, wenn jemand retrospektiv wurde und einen Rückblick auf das vergangene Jahr anstimmte. In diesen Momenten erinnerte ich mich daran, dass ich es mal wieder nicht geschafft hatte. All die guten Vorsätze nach Therapien oder wenn ich mich mal wieder für einige Wochen oder Monate gefangen hatte, hatte ich nicht einhalten können. Da war ich dann enttäuscht und frustriert.

Als aktiver Spieler, besonders vor meinen Therapien, war Weihnachten für mich der blanke Horror. Ich musste mich gehörig zusammenreißen. Mutter, Vater, Brüder und Omas, alle zusammen auf einem Haufen. Hauptsache, niemand sprach mich aufs Studium an oder „wie es läuft“. Hatte ich allen dieselben Stories erzählt? Könnte es dazu kommen, dass ein Lüge auffliegt, weil mein Bruder zum Beispiel eine andere Information hatte als mein Vater? Ich saß auf heißen Kohlen und hoffte inständig, dass die Gespräche so seicht und oberflächlich wie möglich blieben. Anspannung pur.

Neben den Feiertagen vor 2002 gab es auch andere Jahre, in denen ich gerade rückfällig war, wenn Weihnachten vor der Tür stand. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass Geldgeschenke da eine große Rolle spielten. „Wie viel Geld bekomme ich von Oma? Hoffentlich schenkt sie uns keine Gutscheine. Vielleicht gibt es Geschenke, die ich im Notfall problemlos zu Bargeld machen könnte. Ich brauche noch Kohle, um durch die letzten Tage zu kommen.“ Wenn ich noch kurz vor den Feiertagen gespielt hatte, dann hatte ich innerlich bereits Beträge einkalkuliert, auf die ich nach Weihnachten hoffentlich zurückgreifen konnte.

Puh, das hat jetzt doch ganz schön gedauert, bis ich diese damaligen Gedanken aufschreiben konnte. Immerhin teile ich solche Gedanken jetzt mit vielen Menschen und sie waren über zehn Jahre nur für mich und meine Therapeuten bestimmt. Da stecke ich gedanklich so richtig tief im „alten Milieu“. Aber als Spieler bin ich nun mal an mein Suchtmittel, das Geld, gebunden und in rückfälligen oder aktiven Phasen wurde mein Alltag eben diesem Gedanken gewidmet.

Ich glaube nicht, dass ich in den letzten 20 Jahren auch nur einmal so entspannt auf Weihnachten zugegangen bin wie 2014. Meine Eltern sind seit diesem Jahr Rentner und leben nun in ihrer neuen schönen Wohnung. Ich freue mich sehr, dass sie endlich den Ruhestand genießen können. Gerade mein Vater scheint ihn besonders zu „genießen“, denn er hat in den letzten Monaten das ein oder andere Kilo zugelegt. 🙂 Meine Mutter wird am nächsten Morgen nicht ab 7:00 Uhr in der Küche stehen. Keine Kochjacke, kein Eindecken der Tische im Saal, kein Vorwärmen der Chafings für das alljährliche Buffet, kein üblicher Smalltalk über den Tresen hinweg. Stattdessen Kaffee und Neujahrskuchen, ein oder zwei Runden Canasta, ein oder zwei Gläser Wein mehr als üblich und gemeinsames Frühstück. Haben wir überhaupt schon mal am 1. Weihnachtstag entspannt gemeinsam gefrühstückt, Mutti?

Gestern in meiner Nachsorgegruppe bin ich aber auch auf andere negative Aspekte für Spieler aufmerksam geworden. Es gibt nun mal auch diejenigen, die ihre Liebsten durch die Sucht verloren haben und die Feiertage womöglich alleine verbringen müssen. Ich habe in meinem Leben Silvester zweimal alleine verbracht und auch wenn ich mir nicht viel aus diesem Tag mache, so war ich dennoch bedrückt an diesen Tagen. Ich kann die Gedanken und Gefühle anderer Spieler an dieser Stelle gut nachempfinden. Man sitzt zu Hause und hat zu viel Zeit, um über die Vergangenheit zu grübeln. „Normalerweise säße ich jetzt mit meiner Familie am Tisch und würde Weihnachtslieder singen.“ Das löst bestimmt Schwermut und Trauer aus. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich auf diese Tage gut vorzubereiten. Zunächst mal würde ich die Stunden und Tage komplett durchplanen. Möglichst viele positive Aktivitäten und sich selbst etwas zu gönnen kann die Stimmung deutlich steigern. Für mich wäre es äußerst gefährlich, auch in Hinblick auf meine Abstinenz, wenn ich die Feiertage einfach auf mich zukommen ließe und mich womöglich noch entscheiden würde, die Stunden einfach auszuharren und darauf zu warten, dass alles vorbei ist. Je bewusster ich mit der Situation umgehe und mir möglichen Frust und Enttäuschung schon im Vorfeld klarmache, desto besser bin ich auf die negativen Emotionen vorbereitet.

Zum Abschluss möchte ich noch kurz erwähnen, dass ich vor einigen Tagen meine Bewilligung zur Teilhabe am Arbeitsleben (Umschulung) erhalten habe. Zusätzlich habe ich bereits eine Psychotherapeutin gefunden, bei der ich zeitnah in Behandlung komme. Das ist einer der formellen Bedingungen, die ich erfüllen muss, um die Umschulung starten zu können. Auch wenn ich momentan bei der beruflichen Zukunftsplanung eh zweigleisig fahre und die Umschulung vielleicht gar nicht nötig wird bin ich froh, dass ich das bereits alles klären konnte. Euch allen einen guten Tag.

Ein Gedanke zu “Oh nein, oh, oh, ein Tannebaum!

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