Klick!

„Bei mir hat es endlich ‚klick‘ gemacht.“

Ja, in meinen Therapien haben es die Mitpatienten häufig klicken hören. Es soll ja diesen ominösen Schalter geben, der umgelegt wird und dann wird alles gut. Auch ich habe es mal klicken lassen. 2002 hat es geklickt. Aber dabei handelte es sicherlich nicht um den Hauptschalter, sondern um irgendeine kleine Sicherung, die nach nur wenigen Monaten wieder heraussprang.

Heute möchte ich das „Klicken“ entkräften und entzaubern. Ich werde einige Gegenargumente beschreiben, die zum Abschluss dieses Beitrags hoffentlich vielen Betroffenen helfen, ihren Weg aus der Sucht nicht nach 200m mit diesem Klick enden zu lassen, sondern den Marathon zu Ende zu laufen.

Ich sage: Einen Klick gibt es nicht.

Mein erstes Argument ist eine Studie des University College London (UCL). Bei dieser Studie begleiteten Forscher 79 Taxifahrer, die das 25000 Straßen und 20000 Sehenswürdigkeiten umfassende Netz Londons lernen mussten. Hierbei stellten sie fest, dass sich über Monate ein völlig neues Zentrum aus Neuronen im Gedächtnis (Hippocampus) bildete. Die neuen Nervenbahnen wurden mit jedem Monat, den die Taxifahrer lernten und das Gelernte bei der Arbeit anwendeten, gestärkt. Dieses Lernen lässt sich auch auf die Spielsucht anwenden. Pathologische Glücksspieler gehen ihrer Sucht und den begleitenden Verhaltensweisen über Jahre nach. Sie reagieren auf ähnliche Lebenssituationen und emotionale Erfahrungen immer gleich. Sie gehen spielen. Das stärkt das „Suchtzentrum“.

Bis vor einigen Jahren gingen Psychologen davon aus, dass veränderte Verhaltensweisen direkt eine Verbesserung des Zustands bedeuteten. Doch Langzeitstudien bei Süchtigen haben gezeigt, dass bei Rückfällen, also der Anwendungen veralteter Gewohnheiten, direkt wieder das umfangreiche Suchtgedächtnis aus der Spielerzeit aktiviert wird. Mit anderen Worten: Wenn ich zum Beispiel zehn Jahre gespielt habe, dann kann ich ruhig ein Jahr abstinent gewesen sein und mein Verhalten verändert haben. Mit dem Rückfall aufgrund negativer Gefühle oder alter Gewohnheiten werden schon nach kürzester Zeit die alten Neuronen aktiviert und man steht wieder am Anfang. Da hat es sich dann schnell ausgeklickt.

Mein zweites Argument gegen das Klicken kann vermutlich jeder Spieler nachvollziehen. Ich frage einfach nur, wie oft es bei euch in eurem Leben klick gemacht hat, wenn ihr abends nach zehn Stunden Zockerei aufgedreht und verzweifelt oder erschöpft und traurig nach Hause kamt? Wie oft wart ihr felsenfest davon überzeugt, dass ihr ab morgen nicht mehr spielt? Und wie häufig seid ihr am nächsten Morgen aufgewacht und es gab nur einen Gedanken: Ich will spielen.

Ich denke, dieses Klicken ist ein ähnliches wie das in der Klinik. Vielleicht wird es ein wenig unbewusster und mit weniger Vernunft geäußert, aber ich stecke sie in dieselbe Schublade. Im Grunde ist es ganz simpel. In meiner Schulzeit habe ich beispielsweise Ewigkeiten das Wort „hang“ als Vergangenheitsform von „hängen“ benutzt. Mit 21 Jahren fing meine damalige Freundin an zu lachen, als sie es hörte und teilte mir mit: „Hing. Es heißt hing.“ Auch wenn ich jetzt wusste, wie es richtig lautete, benutzte ich trotzdem immer wieder das falsche Wort, weil es sich für mich immer noch richtig anhörte und in mein Gedächtnis eingebrannt war. Wie ihr sehen könnt: Es hatte „klick“ gemacht, aber geändert hatte sich trotzdem nicht viel.

Während dieses Artikels hatte ich nun schon vier oder fünf Gesichter aus meinen Therapien vor Augen, die in jedem Gespräch, in jeder Gruppenstunde ihr Mantra vorbeteten: „Bei mir hat es ‚klick‘ gemacht.“ Jetzt, mit genügend Abstand und dem Wissen aus fünf Therapien, gehe ich persönlich davon aus, dass diese Patienten sich eher unbewusst vor neuen Erfahrungen verschlossen und die nicht immer leichte Auseinandersetzung mit sich selbst verringern wollten. Ich bin mir sicher, dass es zumindest bei mir 2002 so war.

„Nein, ich muss mich jetzt nicht mit negativen Gefühlen beschäftigen. Bei mir hat es ja klick gemacht.“ „Ich brauche keine Alltagsstrukturierung. Es hat ja schon geklickt.“ „Ihr könnt gerne ein paar Rollenspiele machen, wenn es euch hilft. Der ‚Klick‘ genügt mir. Ich lehn‘ mich jetzt zurück.“

Mein drittes Argument ist die Selbstwirksamkeit des Spielens. In meinem letzten Beitrag hatte ich die Impulskontrollstörung erwähnt. Sie bezeichnet einen Verhaltensablauf, bei dem ein als unangenehm erlebter Anspannungszustand durch ein bestimmtes impulsiv ausgeübtes Verhalten aufgelöst wird. Es gibt keine vernünftige Motivation für dieses Verhalten (Spielen), kann nicht kontrolliert werden und schädigt die eigentlichen Interessen des Menschen. Sie greift vor allem bei negativen Empfindungen und Erfahrungen. Bei mir greift sie zum Beispiel bei Gefühlen von Schuld, Ablehnung, Ohnmacht, Verzweiflung und tiefer Traurigkeit. Oftmals sind die auslösenden Situationen geprägt von psychischen oder physischem Stress und haben letztendlich häufig etwas mit einem vermindertem Selbstwertgefühl zu tun. Kritik führt zu dem Gefühl grundsätzlich in Frage gestellt zu werden. Dies führt zu einem Gefühl, nicht o.k. zu sein und das halte ich dann nicht aus. Wenn ich dann spielen ging, vergaß ich für einen Moment diese Gefühle und gleichzeitig führte ein eventueller Gewinn zu einem höheren Selbstwert. Dieser Selbstwert ist nicht im allgemeinen Sinne authentisch und basiert auch nicht auf Vernunft, aber ich kenne Gedanken wie „Ich bin jetzt jemand.“, „Ich hab‘ den Automaten bezwungen.“, „Jetzt habe ich Geld. Jetzt bin ich der Große.“, und das Ganze funktioniert mit einem minimalen Aufwand. Das ist die oben erwähnte Selbstwirksamkeit und eben im negativen Sinne ein Klick! Ein negativer Klick, der so viel schneller greift als der ominöse Klick, den andere Patienten verspüren so wie ich ihn 2002 in Gütersloh verspürte.

Das sind die kurzfristig positiven Konsequenzen aus dem Spielen, die so viel Macht haben und diese müssen geprüft und verändert, eben entzaubert werden. Jedes Mal. Es reicht nicht, es einmal zu machen. Es genügt nicht, acht Wochen die „richtigen“, realitätsnahen Gedanken und Emotionen zu haben. Es ist ein Prozess und das ist das Wunderbare daran. Ich kann etwas verändern.

Alles, was ich gelernt habe, kann ich durch Neues ersetzen. Man muss nicht weitere 20 Jahre damit leben, dass es weiterhin „Das Bild hang an der Wand“ heißt, nur weil man die ersten 20 dachte, es sei richtig. Das Bild hing an der Wand. Das Bild hing an der Wand. Das Bild hing an der Wand. Ich habe keine Schuld. Ich habe keine Schuld. Ich habe keine Schuld. Ich bin nicht perfekt und das ist in Ordnung.

Meine Freundin hat mich auf ein Interview mit dem Neurobiologen Gerald Hüther hingewiesen, das ganz gut beschreibt, wie das mit dem Lernen und dem Gehirn funktioniert. Es geht hier nicht um Spielsucht, aber an vielen Stellen konnte ich mich in meinem Verhalten und meinen Erfahrungen in puncto Sucht wiederfinden.

Zu guter letzt mal Hand aufs Herz, Leute. Wofür bräuchten wir ein Gesundheitssystem, das jährlich mehr als acht Milliarden Euro für die Behandlungskosten aller Süchte ausgibt, wenn es reichen würde, ein „Wie-lasse-ich-es-klicken-Programm“ in zehn Schritten zu entwickeln? Verschwörungstheoretiker bilden jetzt bitte eine eigene Selbsthilfegruppe. 😉

5 Gedanken zu “Klick!

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