Kontrollfreaks

In den vergangenen zwei Wochen wohnte ich einigen Diskussionen bei, in denen es um kontrolliertes Spielen ging. Einige aktive Spieler stellten die Frage in den Raum, ob es möglich sei, sein Spielverhalten zu kontrollieren und wem das langfristig gelungen sei.

Als kontrolliertes Spielen bezeichnet man die Reduktion der Glücksspielaktivitäten hinsichtlich Häufigkeit, Zeit und Geldeinsatz. Es soll dadurch ein Zustand erreicht werden, in dem das Spielen für Spieler und ihr Umfeld keine schädigenden Konsequenzen mehr hat. Bei meinen Recherchen ist mir aufgefallen, dass es zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen gibt, auf die ich hier in meinem Beitrag eingehen sollte.

Ich nähere mich dem Thema erst einmal aus der Sicht eines aktiven Spielers und kreiere eine Ausgangssituation, in der ich durchschnittliche Statistiken zugrunde lege. Der Spieler ist 33 Jahre alt, berufstätig, Single und lebt alleine. Er spielt seit acht Jahren regelmäßig mindestens einmal pro Woche und hat einige Schulden durch das Glücksspiel gemacht. Er hat bislang keine Beratung oder Therapie in Anspruch genommen. Insgeheim geht er davon aus, dass er spielsüchtig ist, spielt aber die Problematik gegenüber Familie und Freunden herunter. Mehrere Versuche, das Glücksspiel zu unterlassen, blieben erfolglos. Nach einem Tag des exzessiven Spielens tritt er im Internet einer Community zum Thema Spielsucht bei.

Ihn bewegen zwei Fragen. Ist kontrolliertes Spielen möglich? Hat es jemand alleine geschafft, den Weg aus der Sucht zu finden? Auf der einen Seite ist ihm völlig klar, dass er ein Problem hat. Er ist verzweifelt und traurig und wütend auf sich selbst. Gleichzeitig denkt er sich, dass eine Therapie ja wohl kaum nötig ist. „Ich? Eine Therapie? Auf der Couch liegen und über mein Leben schwafeln? Das wäre ja noch schöner! Nein, ich will da alleine durch!“

Für mich ist die Frage, ob man kontrolliert spielen kann, nur die Flucht vor anderen Fragen. „Bin ich spielsüchtig? Benötige ich professionelle Hilfe? Soll ich wirklich aufhören, andere anzulügen? Soll ich wirklich aufhören, mich selbst anzulügen? Soll ich mich um mein Leben kümmern?“ Gerade der Kontrollverlust ist ja einer der Punkte, durch den Sucht definiert wird. Die Leser unter Euch, die sich nach Spielkontrolle sehnen und nicht nach Abstinenz, sollten sich einfach folgende Fragen selbst beantworten:

  • Wie oft bin ich mit 200€ spielen gegangen, habe mir vorgenommen, 50€ zu verspielen und dann nach Hause zu gehen und bin dann mit 150€ zu Hause angekommen?

  • Wie oft bin ich mit 100€ spielen gegangen und habe mir vorgenommen, bei einem Gewinn von 100€ nach Hause zu gehen und bin dann mit 200€ zu Hause angekommen?

  • Wie oft war ich auf dem Weg zur Spielhalle und habe mir vorgenommen, an einem Automaten für zwei Stunden zu spielen und saß vier Stunden später an vier Automaten und hatte nach fünf Stunden kein Geld mehr?

  • Wie oft bin ich abends mit dem Gedanken ins Bett gegangen, ab morgen nicht mehr zu spielen und bin am nächsten Morgen nicht spielen gegangen?

  • Wie oft habe ich mir zwei Tage vor Lohneingang vorgenommen, zunächst Miete und Schulden bezahlen und bin dann spielen gegangen, ohne diesen Verpflichtungen nachzukommen?

  • Wie oft habe ich mir vorgenommen, mit 50€ spielen zu gehen und bin dann doch noch dreimal zum Geldautomaten gegangen, um mir weitere 150€ zu holen?

  • Wie oft wollte ich 50€ von meinen letzten 200€ für den Monat verspielen, um danach einen Großeinkauf im Supermarkt zu machen und habe mir schlussendlich zwei Packungen Toast, ein Kilo Nudeln und eine Flasche Ketchup für 4,76€ gekauft?

  • Wie oft habe ich die Tafel Schokolade auf den vier Meter entfernten Esstisch gelegt und habe sie dann drei Minuten später doch aufgegessen?

  • Wie oft habe ich versucht, meinen Wimpernschlag zu kontrollieren und bin daran kläglich gescheitert?

Wenn jemand von kontrolliertem Spielen spricht, dann muss er sich diese Fragen stellen, denn auch diese von mir beschrieben Vorhaben sind Versuche der Selbstkontrolle bzw. des kontrollierten Spielens.

Die zweite Betrachtungsweise des kontrollierten Spielens ist ein neuer Behandlungsansatz, auf den ich jetzt näher eingehe (Quelle: Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern). Hierbei geht es um die Reduzierung des Spielverhaltens unter therapeutischer Aufsicht. Da verschiedene Studien gezeigt hatten, dass nur ungefähr 3% aller pathologischen Spieler professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, sollte ein neues Behandlungsziel genau die Spieler motivieren, die für sich vollkommene Abstinenz ausschließen oder der Überzeugung sind, das sie es unter keinen Umständen schaffen, langfristig spielfrei zu bleiben.

Bei diesem Konzept werden zunächst Behandlungsziele vereinbart. Es geht um die Festlegung von Spielfrequenzen, Höhe des vorgesehenen Geldeinsatzes, Dauer der Spiele und Strategie zur Reduktion des Spielverhaltens. Außerdem werden besondere Risikosituationen identifiziert und mögliches Ersatzverhalten besprochen. Darüber hinaus müssen tägliche Selbstbeobachtungsbögen geführt werden, in denen der Spieler sein Spielverhalten protokolliert.

Unter Beobachtung kontrolliert zu spielen erzeugt im Grunde vier mögliche Wege, mit der Spielsucht umzugehen.

  • Der Spieler erkennt während der Phase des kontrollierten Spielens, dass er die gesteckten Ziele nicht erreichen oder einhalten kann. Hieraus ist es möglich, dass der Spieler sich seiner Spielsucht vollends bewusst wird und seine Bemühungen zu langfristig abstinentem Verhalten verstärkt.

  • Der Spieler erkennt im kontrollierten Spiel, dass das Glücksspiel in einem „vernünftigen Rahmen“ zu keinem befriedigendem oder zufriedenstellenden Ergebnis führt und trifft eine Abstinenzentscheidung.

  • Der Spieler hält die vorgegebenen Ziele ein und spielt kontrolliert

  • Der Spieler verzweifelt an den Zielen und bricht die Behandlung ab

Ein wichtiger Grundsatz, der dieser Therapieform zugrunde liegt, ist, dass nicht alle pathologischen Spieler gleichzusetzen sind. Es ist eher eine homogene Gruppe, die auf unterschiedlichen Weisen spielt, in unterschiedlichen Intervallen mit unterschiedlichen Motivationen. Hier noch einige Zahlen aus der Studie.

Insgesamt schlossen 69% der Teilnehmer die Behandlung ab. Die Abbruchrate von 31% entspricht ungefähr der Rate herkömmlicher Therapien. Ausnahmslos alle Teilnehmer wiesen vor dem Beginn der Therapie einen ICD-10-Wert von fünf oder höher auf. Nach durchschnittlich 14 Sitzungen wiesen 63% der Teilnehmer einen Wert unter fünf auf. Zwei Drittel aller Teilnehmer, die die Behandlung abschlossen, entschieden sich während der Therapie zu einer durchgängigen Abstinenz.

Abschließend möchte ich sagen, dass dies Werte sind, die auch bei herkömmlichen Therapien erreicht werden. Da ich selbst auch schon versucht habe, kontrolliert zu spielen, bin zumindest ich ein Beispiel dafür, dass es langfristig nicht funktioniert. In einer Phase, in der ich sehr wenig Geld zur Verfügung hatte, schaffte ich es aus eigenem Antrieb über einen Zeitraum von einem halben Jahr zunächst meinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, dann für ausreichende Lebensmittel zu sorgen und erst danach spielen zu gehen. Doch letztendlich landete ich wieder im Kontrollverlust und war dann wieder nicht in der Lage, meinen eigenen Vorgaben nachzukommen.

Auch wenn ich mich hier wiederhole, möchte ich nochmals erwähnen, dass die Spielsucht zumeist nur ein Symptom ist, dem andere Probleme vorausgehen. Ich bin der Überzeugung, dass ohne die grundsätzliche Bearbeitung dieser Probleme kein zufriedenes Leben möglich ist. Selbst wenn ich kontrolliert spielte, war ich depressiv und fühlte mich nicht wohl. Ich hatte trotzdem keine sozialen Kontakte und richtete den Großteil meiner Alltagsentscheidungen auf das Spielen aus. Auf eigene Faust das kontrollierte Spielen zu versuchen, ist meines Erachtens zum Scheitern verurteilt. Unter therapeutischer Begleitung ist es zumindest ein Versuch wert, denn es ist besser, irgendetwas zu versuchen als gar nichts zu unternehmen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s