Niemand hat sich selbst gemacht

„Es sind die typischen Verhaltensweisen, die wir von uns selbst oder vertrauten Menschen kennen, die wir an den Tag legen, ohne nachzudenken: Der eine vermeidet Streit, die andere wird immer gleich aggressiv. Der eine jammert die ganze Zeit, wenn er mit eigener Unsicherheit konfrontiert wird, die andere kämpft dann bis zum Umfallen (…) diese Verhaltensschemata sind Tricks des Körpers, um Energie und Zeit zu sparen. Statt sich bei jedem Blick, Wort, Geruch oder auch in wiederkehrenden Situationen neu zu überlegen, was er tun soll, speichert der Körper in Kindheit und Jugend bestimmte Kombinationen ab, auf die er schnell zurückgreifen kann. Manche Reize lösen ab dann immer dieselben Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen aus, sehr schnell und ganz automatisch. Nur so schaffen wir es, in dieser komplexen Welt zurechtzukommen.“

(Zitat aus dem Artikel „Ich schaffe das“ in der ZEIT)

Bereits seit einigen Jahren ist es mir ein Bedürfnis, insbesondere bei Spielsüchtigen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass eine Abhängigkeit wie das pathologische Glücksspiel nicht einfach so plötzlich da ist, sondern es Umstände im Leben gibt oder gab, die die Entwicklung dieser Erkrankung begünstig(t)en.

Ob nun Alkohol- oder Drogensucht, Spiel- oder Internetabhängigkeit, Medikamenten- oder Kaufsucht, jede dieser Krankheiten ist nur das Endsymptom einer anderen Problematik.

Ein Schlüssel zu meiner Abstinenz war die DBT, die dialektisch-behaviorale Therapie. „Boah, jetzt kommt der wieder mit diesem Siegmund-Freud-Gelaber!“, wirst Du, lieber Leser jetzt denken.

Spinnen wir unser „Gespräch“ an dieser Stelle mal weiter, okay?

Du: „Boah, jetzt kommt der wieder mit diesem Siegmund-Freud-Gelaber!“
Ich: „Na, das ist jetzt nur zum Teil richtig. Ja, es ist Psychotherapie, aber genau der Ansatz von Freud ist es eben nicht. Bei der DBT geht nämlich nicht um das, was war, sondern das, was ist.“
Du: „Klugscheißer!“
Ich: „Ja, ich weiß…“
Du: „Ich geb‘ nächsten Monat einfach wieder meine EC-Karte bei meiner Freundin ab. Das hat letztes Jahr ja auch geklappt.“
Ich: „Für wie lange?“
Du: „Joah, och, so knapp sieben Wochen.“
Ich: „Okay, das ist doch schon mal was. Und warum erst nächsten Monat?“
Du: „Ich, ähh…“
Ich: „Ach so, nächste Woche kommt Dein Gehalt, oder?“
Du: „Ja.“
Ich: „Okay, also einmal noch zocken, oder? So um der alten Zeiten Willen, hmm?“
Du: „Genau. Für nächste Woche habe ich echt ein gutes Gefühl. Ich glaub, da kommt was…“
Ich: „Cool. Und dann? Also wenn was kommt, dann bist Du ja für diesen Monat im Plus. Gibst Du dann die Karte ab?“
Du: „Ja, genau.“
Ich: „Zusammen mit dem gewonnenen Geld, richtig?“
Du: „…“
Ich: „Du wirkst verunsichert.“
Du: „Weiß nicht… Wenn ich die Karte abgebe, ist das ja schon mal ein guter Schutz für mich.“
Ich: „Ja. Du wolltest ja aber nicht mehr spielen. Mit dem Plus spielst Du dann aber noch weiter, oder? Könnt‘ ja noch was kommen, richtig?“
Du: „Ach, lass‘ mich in Ruhe. Ich hab‘ eh nicht darum gebeten, mich mit Dir zu unterhalten, Klugscheißer.“

Ich: „Wenn Du mich bescheißt, bescheißt Du Dich selbst. Das ist die einzige tatsächlich negative Konsequenz, die Du befürchten musst.“

Langfristig ist das Geld, das der Spieler gewinnt, nur weiteres Geld um weiterhin spielen zu gehen. Langfristig ist die Abgabe der EC-Karte nur ein Vorhang, mit dem man den Raum abdunkelt, in dem sich die Sucht befindet. Langfristig ist die Sucht immer noch da, nagt am Spielsüchtigen. Der Drang, spielen zu gehen bleibt.

Woher kommt dieser Drang? Bei mir war am Anfang spielen nur Spaß, pure Freude, Zeitvertreib. Doch irgendwann übernahm das Spielen in meinem Leben eine Funktion. Mit Hilfe des Spielen konnte ich andere Dinge in meinem Leben ausschalten, verstecken, vergessen. Der Stress mit dem Chef, die Beziehung, die seit Ewigkeiten bröckelte, die Konflikte in der Familie oder auch der Gedanke, nichts Sinnvolles, Schönes, Großes aus meinem Leben gemacht zu haben.

Ich habe nie gelernt, wie man mit diesen Problemen umgeht, wie man Konflikte löst, ohne sich aufzuregen, böse zu werden oder abzuhauen. Das Spielen erzeugte dann bei mir eine nie dagewesene Befriedigung, bei der ich abschalten konnte. Der Spieldruck, dieser unsagbare Drang, tauchte dann immer wieder auf, sobald eine solche Situation in mein Leben trat.

Ich habe gelernt: Spielen mindert das Leid, schaltet negative Gefühle aus, also erinnert mich mein Körper immer wieder an diese Lösung, wenn es stressig wird.

Das Wunderbare hieran ist, dass Gelerntes verändern werden kann, unter anderem eben mit der DBT. In der vorletzten Woche erschien in der Zeit der Artikel Ich schaffe das, in dem der Sinn der DBT anhand der Geschichte einer Patientin phänomenal gut beschrieben wird. Der Artikel ist zwar sehr lang, aber falls jemand von Euch noch daran zweifelt, ob eine Therapie nun wirklich der richtige Weg ist, um einen Weg aus der Sucht zu finden, dann könntet Ihr heute einfach 20 Minuten später in die Spielhalle gehen und dafür noch ein Minimum Energie in diesen Artikel investieren. Später dann, wenn Ihr Euer Geld restlos verspielt habt, könnt Ihr ja neue Entscheidungen für Euer Leben treffen.

In dem Artikel wird allerdings nicht die DBT anhand der Spielsucht beschrieben, und doch wird sie auch bei Abhängigkeitserkrankungen angewandt. Besser noch! Im Grunde kann man die Werkzeuge der DBT in jeder Lebenskrise nutzen, um eine bessere Einstellung zu problematischen Gedanken und Handlungsweisen zu entwickeln.

„Manche Menschen können mit schweren Verlusten wie dem Tod des Partners oder des eigenen Kindes einen guten Umgang finden – andere bekommen wegen eines falschen Blicks oder Wortes eine Krise. Der eine blüht auf, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Stress bei der Arbeit weniger wird, der andere zerstört in dieser Phase alles, was er sich zuvor aufgebaut hat. Eine Krise bedeutet erst einmal, dass ein Mensch unter dem, was auf ihn einstürzt, leidet. Was dabei als belastend empfunden wird und wie hemmungslos das Leid ist, ist individuell sehr verschieden. Es hängt davon ab, was einer mitbringt: an Erfahrungen, seelischer Stabilität, an Freunden, Partnerschaft, auch an Geld. Und es hängt davon ab, was da hereinbricht in das Leben. So kann es passieren, dass jemand, der den Jobverlust gut wegsteckt, durch eine Trennung gebrochen wird. Oder andersrum.“

(Zitat aus dem Artikel „Ich schaffe das“ in der ZEIT)

In den Jahren meiner aktiven Spielerlaufbahn war ich nicht im Stande, auch nur eine einzige Krise schadlos zu überstehen. Spielen zu gehen war kontinuierlich meine Lösung für alle Probleme, selbst für die, die keine waren.

Schon im kleinsten Konflikt litt ich unfassbar stark und wusste nicht, wohin mit meinen Gedanken und Gefühlen. Doch mit der DBT lernte ich, dass Konflikte manchmal lösbar sind, manchmal akzeptiert werden müssen und manchmal gar nicht an den Grundfesten einer Beziehung rütteln. Ich lernte, dass Konflikte zu jeder Beziehung dazu gehören und man an diesen Konflikten auch wachsen kann.

„Zieht ein Mensch sich beispielsweise bei kleinsten Streitigkeiten oder Kritik immer sofort zurück, liegt das vielleicht daran, dass er als Kind erleben musste, wie seine Umwelt ihn zurückwies, enttäuschte, verließ, wenn er versuchte, Kontakt aufzunehmen. Er hat gelernt, dass Beziehungen gefährlich sind und wehtun. Durch seinen Rückzug vermeidet er die Gefahr, sobald er das geringste Indiz entdeckt. Schemata sind Erinnerungsspuren, die unangenehme Erlebnisse verhindern sollen.“

(…)

„In der Absicht, uns zu schützen, verwischen Schemata die Information darüber, was wirklich gut für uns ist, und verleiten uns zu Handlungen, die unser Leid nicht lösen. Immer und immer wieder. (…) Das Ertragen von unangenehmen Gefühlen ist zentral für das Überwinden von Problemen. Schon Buddha hat als erste Wahrheit gelehrt: Leben bedeutet Leid; die Vermeidung des Leids führt zu schlimmerem Leid.“

Zitat aus dem Artikel „Ich schaffe das“ in der ZEIT

Das wären wir also: Radikale Akzeptanz. Um etwas in meinem Leben zu verändern, musste ich zunächst einmal erkennen, was mir überhaupt widerfuhr. Zunächst prüfte ich die Situationen, in denen ich plötzlich einen Reiz verspürte, spielen zu gehen. Was war da passiert? Was habe ich gedacht? Was habe ich gefühlt? Wie habe ich gehandelt? Wie hätte ich handeln sollen?

Von da an hieß es für mich „Üben! Üben! Üben!“. Wenn ich eine Situation analysiert hatte, versuchte ich, mit dem neuen Ergebnis meine Einstellung zu ähnlichen Situationen zu verändern. Empfand ich Schuld oder Scham, dann prüfte ich, ob mein Gefühl auch passte. Hatte ich wirklich Schuld? Hätte ich mich wirklich schämen müssen? Fünfmal überprüfte ich das. Zehnmal. Zwanzigmal. Hundertmal. Immer wieder stellte ich fest:

Mich traf keine Schuld. Es gab nichts Beschämendes in dem Moment. Also lernte ich neu, veränderte meine Gedanken, meine Einstellung zu bestimmten Problemen in meinem Leben.

Ich: „Der spielverderbende Klugscheißer hat also etwas dazu gelernt, etwas neu gelernt. Also wenn ich das schaffe, dann schaffst Du das doch bestimmt auch, oder?

Du: „Weiß‘ nicht. Ich glaub‘, so süchtig wie Du bin ich gar nicht. Aber sollte ich irgendwann nicht mehr weiter wissen, schreibe ich Dich bestimmt nochmal an.“

Ich: „Sehr gerne!“

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