Brief an einen Angehörigen

Liebe Angehörige,

am kommenden Sonntag ist Heilig Abend und dieser und die folgenden Tage stehen häufig im Zeichen der Familie.

Ich möchte Dich darauf vorbereiten, denn ich weiß, wie schwierig die Tage werden können, wenn man einen problematischen oder pathologischen Spieler in seiner Familie hat. Darum erzähle ich Dir ein bisschen was von mir.

Für mich waren die Weihnachfeiertage immer Stress in seiner reinsten Form. Dafür gab es nicht nur einen Grund.

  • Als aktiver Spieler habe ich viel gelogen und vielen Menschen in meinem Umfeld ganz unterschiedliche Dinge erzählt. An Weihnachten war die Gefahr sehr groß, dass ich zur gleichen Zeit auf all diese Menschen treffe. Also musste ich natürlich hochkonzentriert sein. Ich musste genau überlegen, wem ich was erzählt hatte und darauf achten, dass mein Lügennetz nicht zusammenbricht. Das war sehr anstrengend.
  • Dann erwartete man von mir, dass ich auch Geschenke dabei hatte. Geschenke kosten Geld und Geld war eben erfahrungsgemäß knapp bei mir. Ich erinnere mich an viele Jahre, an denen ich es nicht geschafft habe, mein Spielen so sehr im Griff zu haben, dass am 24.12. alle ein Geschenk erhielten, die ich auch beschenken wollte oder musste.
  • An Weihnachten traf ich auf viele Menschen, die wissen wollten, wie es mir geht. Selbstverständlich wollte ich diese Frage von niemanden hören, was natürlich daran lag, dass die ehrliche Antwort „Mir geht’s scheiße, ich bin spielsüchtig.“, gewesen wäre. Doch so konnte ich nicht antworten, weil ich es mir dann auch hätte eingestehen müssen. Und so kam bei dieser Frage eine weitere Lüge auf den großen Haufen Lügen, den ich mir jahrelang mühsam aufgebaut hatte.
  • Weihnachten liegt für einen Spieler sehr ungünstig, nämlich am Ende des Monats Dezember. Ich habe mir als Spieler häufig gewünscht, dass Jesus als Frühchen in einem Inkubator statt in einer Krippe gelegen hätte. Am 04. Dezember wären alle Geschenke abgesichert gewesen.
  • An Weihnachten war die Hoffnung auf Geldgeschenke natürlich auch sehr groß. Unerwartete Finanzspritzen führten bei mir zu großer Vorfreude, denn sie bedeuteten, dass ich noch ein weiteres Mal spielen gehen konnte.

Das sind sicherlich nicht alle Gründe, aber sie gehören zu den wichtigsten.

Wenn Dein spielsüchtiger Bruder, Deine spielsüchtige Mutter, Dein spielsüchtiger Mann am kommenden Wochenende nach Hause kommt, dann erwartet niemand von Dir Verständnis für ihn oder sie. Ich möchte Dich nur darauf hinweisen, dass das Leben für den/die Spielsüchtige(n) genauso beschissen ist wie für Dich. Tief im Innern weiß er, dass etwas in seinem Leben gehörig aus der Spur ist. Aber es Dir gegenüber zuzugeben würde bedeuten, dass er es sich selbst auch eingestehen müsste und das ist so unfassbar schwer.

Die Gefahr, dass es an einem dieser Tage zu Streitigkeiten oder Konflikten kommt ist sehr groß. Vielleicht weißt Du das auch schon längst, weil es in den letzten Jahren auch immer passiert ist. Sei darauf vorbereitet. Wenn Du darauf vorbereitet bist, ist es einfacher damit umzugehen. Der Spieler ist es nicht, weil er viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist.

Ich wünsche Dir, dass Ihr trotzdem ein paar gute Stunden miteinander verbringen werdet.

Frohe Weihnachten.

Der Spielverderber

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2 Gedanken zu “Brief an einen Angehörigen

  1. Lieber Spielverderber,

    im Internet wird ja sehr viel über Spielsucht geschrieben, aber selten so authentisch und einfühlsam wie hier. Auch wenn man selber nicht spielsüchtig ist, zeigen die Texte sehr gut, wie es in einem Spieler/einer Spielerin aussieht.

    M.

    Gefällt 1 Person

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