Dialog mit dem Suchtgedächtnis

Suchtgedächtnis: „Ey, Klaus, I bims, d1 Suchtgedächtnis. Was bimste am maken?“

Ich: „Ich genieße gerade den Abend nach einem erfolgreichen Tag.“

Suchtgedächtnis: „Wow, cool. Bedeutet: Bimst grad richtig happy?“

Ich: „Ja. Die letzten Wochen waren anstrengend und sehr frustrierend. Ich bin ja gerade im Bewerbungsprozess, um eine neue Stelle zu finden und ich habe bislang fast nur Absagen bekommen.“

Suchtgedächtnis: „Mkay?!“

Ich: „…und dann kommen doch heute tatsächlich innerhalb von 5 Stunden gleich vier Einladungen zu Vorstellungsgesprächen reingeflogen. Hammer, oder? Ich bin darüber sehr glücklich, denn endlich bewegt sich was und ich bin wieder optimistischer!“

Suchtgedächtnis: „Da kannst Du aber noch einen draufsetzen, Du Larry!“

Ich: „Wie meinst Du das?“

Suchtgedächtnis: „Ja, Alter, was meine ich damit wohl? Gönn‘ Dir! Gönn‘ Dir richtig, Mann. Zocken gehen!“

Ich: „Waaa?“

Suchtgedächtnis: „Is‘ der perfekte Abschluss für einen perfekten Tag! Na komm, um der alten Zeiten Willen!“

Ich: „Du spinnst ja wohl. Wo kommt das denn jetzt her? Lächerlich.“

Suchtgedächtnis: „Nee, ernsthaft. Überleg‘ mal: Schön vorm Automaten sitzen, zwischendurch eine Zigarette. Musst ja nicht viel einsetzen. Los! Überleg‘ mal!!“

Ich: „Also das kommt jetzt echt überraschend, Suchtgedächtnis, quasi wie ein Blitzschlag, aber da kann ich leider nichts für Dich tun. Ich akzeptiere diese Gedanken und lasse die dann aber einfach weiterziehen. Ist ja nicht das erste Mal, dass mir sowas passiert. Hier kommen wir heute nicht zusammen.“

Suchtgedächtnis: „Arsch!“

Ich: „Dir zu Ehren werde ich gleich noch einmal kurz darüber schmunzeln.“

 

Letzte Woche habe ich noch darüber nachgedacht, dass mir schon seit Monaten die Zeit, die Muße und der passende Aufhänger fehlt, um mal wieder einen etwas persönlicheren Beitrag zu schreiben. Aber auf mein Suchtgedächtnis ist dann doch hin und wieder mal Verlass. Der vergangene Dienstag war wirklich ein wunderbares Beispiel für „Tief überwunden, großartigen Tag erlebt, super zufrieden in den Sessel sinken lassen und dann nicht relaxen, sondern: eine kleine Portion Spieldruck“.

Schön, dass es mir vergönnt ist, darüber zu schmunzeln und noch schöner ist es, dass ich das auch sofort wahrnehme. Ich habe direkt erkannt, dass zu dem Zeitpunkt etwas nicht passte. Letztendlich war ich aber von einem tatsächlichen Rückfall weit entfernt. Ich bin sogar ein bisschen froh über diese Situation, weil sie mir dabei hilft, auch weiterhin aufmerksam zu bleiben und die Abstinenz nicht immer als selbstverständlich anzusehen.

Natürlich bin ich in meinem Leben sehr viel häufiger rückfällig geworden, weil ich einen stressigen Tag hatte, aber hin und wieder gab es eben auch die Tage, an denen ich mich besonders belohnen wollte.

Seit Anfang November schreibe ich sehr regelmäßig Bewerbungen, weil ich für das Frühjahr 2018 eine neue Herausforderung suche. Zunächst hatte ich mir immer nur die Rosinen herausgepickt, mit dem Ergebnis, dass eine Absage nach der anderen im Postfach landete. Dann hatte ich meine Ansprüche heruntergeschraubt und auch das führte meist noch zu Absagen. Doch ich bin drangeblieben und habe mich immer wieder motiviert und nicht aufgegeben. Am Dienstag kamen dann die Einladungen zu den Vorstellungsgesprächen und ich konnte mein Glück kaum fassen.

Genau an solchen Tagen habe ich auch schon früher hin und wieder Spieldruck bekommen und dem selbstverständlich auch sehr oft nachgegeben.

Und was geht sonst so?

Seit Sonntag mache ich bei einer Aktion mit, die ursprünglich aus Belgien stammt. Mit 30 dagen zonder klagen startete die belgische Regierung einen Aufruf an alle Mitbürger, sich dreißig Tage lang mal nicht zu beschweren, nicht zu jammern und nicht zu meckern – und das nicht gegenüber anderen und auch nicht gegenüber sich selbst. Es ist bereits die dritte Aktion dieser Art. Zuvor habe es auch schon „30 Tage ohne Alkohol“ und „30 Tage ohne Zigarette“.

Was das soll? Sich ständig zu beschweren und sich an vielen kleinen Situationen kontinuierlich negativ aufzuhalten, führt zu Stress und setzt Cortisol im Körper frei. Das ist langfristig gesundheitsschädigend. Für mich persönlich ist diese Challenge aber eigentlich eher eine Rückkehr zu alten Mustern und soll es mir ermöglichen, im Alltag wieder besser auf mich zu achten.

In den letzten drei Jahren habe ich sehr aufmerksam meine Ansprüche an Gelassenheit und Akzeptanz im Auge behalten. Durch den Bewerbungsstress, meine momentane Arbeit und einigen problematischen Situationen im privaten Bereich habe ich es seit November nicht geschafft, meinen Wünschen an mich bezüglich der Gelassenheit gerecht zu werden.

Daher habe ich mich entschlossen, mitzumachen und bereits nach sechs Tagen spüre ich eine Veränderung. Für mich geht es hierbei nicht, jeden Tag peinlichst genau darauf zu achten, dass ich mich auf keinen Fall beschwere, sondern darum, mal wieder genauer hinzuschauen, wie ich handle und wie ich mit schwierigen Momenten umgehe.

Erst jetzt fiel mir mal wieder auf, wie häufig man sich über unwichtige Dinge aufregt und jammert. Ich bin ja überzeugt, dass es uns in den meisten Fällen nicht schlecht geht, weil wir Probleme haben, sondern weil wir nicht gut und selbstfürsorglich mit ihnen umgehen.

Plötzlich ist es mir im Alltag endlich wieder mal möglich, die lange Schlange an der Supermarktkasse hinzunehmen, den streikenden Drucker streiken zu lassen und bei vermeintlich „schlechten“ Wetter zu denken: „Es regnet. Endlich kann ich mal meine Regenhose benutzen“, und nicht „Verdammte Scheiße. Schon wieder so ein Dreckswetter. Langsam reicht’s! Die Sonne habe ich schon seit Tagen nicht gesehen.“

Ihr müsst nämlich wissen: Wetter ist zunächst einmal nur Wetter. Regen, Sonne, Schnee, Hagel, Sturm, Hitze – wir bewerten es und machen es aus unserer Sicht zu etwas Gutem oder Schlechtem. Ich empfehle Euch an der Stelle eine gesunde Portion Neutralität, denn so lange wir noch kein Wettermodifizierungsnetz erfunden haben, bleibt das Wetter an jedem Tag genauso, wie wir es vorfinden und wir können nichts daran ändern.

Während der vergangenen Tagen habe ich übrigens schon fünfmal geklagt. Aber immer nur ganz kurz. Dann ist es mir oder jemandem in meiner Gegenwart aufgefallen und ich habe es dann wieder sein gelassen.

Am Dienstag war das ganz besonders schwer. Da bin ich nämlich innerhalb von zehn Minuten zweimal mit dem Fahrrad in die falsche Richtung gefahren. Beim zweiten Mal dachte ich noch: „Ohhh! Das geht hier ja auch schön bergab wie auf dem Hinweg!“. Natürlich war das dann doch irgendwie unlogisch und nach knapp zwei Kilometern sah ich einen mir unbekannten Kreisverkehr auf mich zukommen und erkannte, dass es nun richtig schwer werden würde, bei eisigem Wind mit nur einem Gang vier anstatt zwei Kilometer ohne Klagen bergauf nach Hause zu fahren. Hab‘ mir dann einfach die ganze Zeit auf die Faust gebissen und musste dann auch irgendwann einfach darüber lachen.

Schönes Wochenende!

Habt Ihr Fragen? Wünsche? Braucht Ihr einen Rat?

Schreibt mir unter: dasist.derspielverderber@gmail.com

2 Gedanken zu “Dialog mit dem Suchtgedächtnis

  1. Interessant deine Gedanken zu lesen. (Falls Sie ehrlich sind :D). Kenne es selbst obwohl ich noch gar nicht so tief in der Sucht drin war! Konnte kaum schlafen musste immer nur an das Zocken denken, grauenhaft! Habe es Gott sei dank alleine raus geschafft es war aber ein Kampf… ein harter Kampf

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  2. Ich musste lachen, als ich den Dialog zwischen Dir und Deinem Suchtgedächtnis gelesen habe. Eine lustige Art ein solch ernstes Thema anzugehen. Diesen Dialog, eigentlich ja eher Monolog, kenne ich nur zu gut. Oft mit dem Ergebnis, dem Suchtdruck nachzugehen und dass obwohl so lange abstinente Phasen dazwischen lagen. Gerade diese „Belohnung“ kam sehr oft vor und irgendwann wurden die Gründe, sich zu belohnen immer marginaler. Es scheint wohl wirklich, wie alle sagen: Eine Sucht wird nie ganz weg gehen, die Widerstandsfähigkeit muss einfach nur größer sein. Mach weiter so, die Beiträge sind sehr lesenswert!
    LG Mo

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